STORY  •  Poose´s Haart-Therapie

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Die erste HAART gegen FIV - chronologischer Ablauf der Therapie und Untersuchungsergebnisse

Allem voraus: Ich bin kein Tierarzt! Alle hier geschilderten Medikamentengaben etc. sind keineswegs Bestandteil einer üblichen FIV-Therapie und deshalb nicht zur Nachahmung empfohlen. Poose ist weltweit bisher die einzige Katze, die mit verschiedenen antiviralen Medikamenten in Kombination behandelt wurde. Ein Übertrag seiner positiven Ergebnisse auf andere Katzen ist somit nicht mit ausreichender Sicherheit möglich. Wer dies versucht, tut es auf eigene Verantwortung!

[Juni 2012: Inzwischen bin ich Tierärztin. Am damals Geschriebenen zwecks Übertragbarkeit und Eigenverantwortung hat sich jedoch nichts geändert.]

August 2003:

Es gibt zur Zeit (2003) folgende drei zugelassene Medikamentenklassen gegen HIV in der Humanmedizin:

Punkt zwei, die Reverse Transkriptase Inhibitoren, unterteilen sich erneut in:

Nur die NRTIs und der einzige Vertreter der NtRTIs (PMPA) sind bei FIV wirksam.

Die standardmäßige Empfehlung für therapienaive Patienten in der Humanmedizin umfasste zum Zeitpunkt meiner ersten Recherchen im Herbst 2002 für eine Dreier-NRTI-Kombination meist AZT (Retrovir), ABC (Abakavir) und 3TC (Lamivudin).

AZT wird von Katzen jedoch nicht gut vertragen, wie zahlreiche Studien dokumentieren. Sie entwickeln innerhalb weniger Wochen meist starke Anämien (durch Knochenmarksschädigung), so dass eine dauerhafte Therapie nicht möglich scheint. Kurzzeitbehandlungen jedoch bringen auch nur eine vorübergehende Besserung und können den Verlauf der Erkrankung nur wenig hinauszögern.

Ich entschloss mich, erstmals eine HAART (hoch aktive antiretrovirale Therapie = mindestens drei antivirale Medikamente in Kombination) für Poose anzuwenden. Aufgrund der Intoleranz der Feliden gegenüber AZT, der bereits persistierenden Anämie und um die mitochondriale Toxizität so gering wie möglich zu halten (deren Risiko durch den Diabetes mellitus bereits erhöht war) habe ich auf eine bis dahin unerprobte Dreier-Kombination gesetzt. An Stelle von AZT (NRTI) verwendete ich PMPA (Viread, ein NtRTI).

Ob ABC und 3TC jemals an Katzen in vivo getestet wurden, war nicht bekannt. Studien darüber ließen sich nicht finden.

Zu PMPA lag mir eine Dissertation von Chistian Aigner vor (Uni München 99), bei der 48 natürlich infizierte FIV-Katzen sechs Wochen lang mit PMPA bzw. PMPDAP behandelt wurden. Da erwartete Erfolge ausblieben, wurden 24 Katzen davon einem weiteren Therapiezyklus unterworfen. Über einen Zeitraum von 9 Monaten bekamen sie jeweils 6 Wochen lang eine Behandlung. Dazwischen lagen Pausen von jeweils 10 Wochen.
Die Katzen wurden in verschiedene Gruppen aufgeteilt:
Gruppe A: HIV-Medikamente - zweimal wöchentlich 25 mg/kg subcutan
Gruppe B: Melittin (Polypeptid aus dem Gift der Honigbiene) - zweimal wöchentlich 500mg/kg subcutan und
Gruppe C: Placebo
Ergebnis: Ein statistisch signifikanter Abfall von Körpermasse bei Gruppe A. In den 10-wöchigen Pausen nahmen die Tiere jedoch so stark wieder zu, dass sie nach Abschluss der Studie sogar einen Anstieg des Gewichtes aufwiesen. Das Allgemeinbefinden, wie auch die CD4/CD8-Zellen-Zahl, verbesserte sich. Leider kam es während der sechswöchigen Therapieintervalle auch zu einem starken Abfall des Hämatokritwertes. Gruppe B hatte keine Nebenwirkungen, verbesserte das Körpergewicht auch, jedoch das Allgemeinbefinden kaum. Statt dessen kam es zu einem starken Abfall der CD4 Lymphozyten. Die auf Grund früherer Untersuchungen erwarteten Ergebnisse der Wirksamkeit der HIV-Medikamente wurden nicht erreicht.
Die Studie ist inzwischen leider nicht mehr online.

In allen mir zum Zeitpunkt des Therapiestarts bekannten In-Vitro-Studien zu FIV wurden die HIV-Medikamente nur in Monotherapie untersucht. Die Ergebnisse waren deshalb mit einer Kombinations-Therapie in vivo kaum vergleichbar.

Die Medikamente verabreichte ich, entgegen den Empfehlungen aus der Humanmedizin, zum Beginn der Therapie nicht in Kombination, sondern separat, eines nach dem anderen. Jeweils nach je ca. 7 Tagen addierte ich das folgende: Begonnen mit 3TC, gefolgt von ABC und letztlich PMPA. Eventuelle Nebenwirkungen hoffte ich so besser zuordnen zu können. Es traten jedoch keinerlei Nebenwirkungen oder Störungen im Befinden von Poose auf.

Dosierung (Körpergewicht ca. 3,0 - 3,2 kg):
3TC: 6 mg 2x täglich, seit dem 30. September 2002.
ABC: 24 mg 2x täglich, seit dem 07. Oktober 2002.
PMPA: 30 mg 1x täglich, seit dem 24. Oktober 2002.

Für die Dosierung wählte ich auf Grund der Nieren- und Leberprobleme von Poose eine niedrigere Dosis als die beim Menschen übliche pro Kilogramm.

Verarbeitung der menschlichen Dosis zur Katzengerechten Portion:
1. Die blauen Tabletten ganz oben sind das Original.
2. Sie wurden von mir zerstampft und mit etwas Wasser zu einem Teig geformt, um genau dosieren zu können.
3. Aus dem Teig geformte, möglichst gleich große Kügelchen.
4. Um den bitteren Geschmack zu überdecken, wurden die Kügelchen zweimal in Eigelb gewälzt.


Vor allem die Lymphozyten stiegen innerhalb eines knappen Jahres sehr deutlich von 7 % auf 54 % an. An der Universität Wien wurde eine neue PCR für diesen in Euro bis dato unbekannten Virus-Subtyp designt. Man teilte uns mit, dass die Pro-Virusload nach 9 Monaten Therapie um mindestens 1 log im Vergleich zur ersten Blutprobe (vor der HAART) gesunken ist. Eine quantitative Bestimmung der Pro-Virusload wird erfolgen, sobald der Standard dazu entwickelt wurde. Ein CD4/CD8-Count-Test konnte vor Beginn der HAART leider nicht durchgeführt werden, da dieser Test in Deutschland zu Therapiebeginn noch nicht erhältlich war. Ein Versuch, diese Messung an der Universität Glasgow durchführen zu lassen, scheiterte aus transporttechnischen Gründen.

Im Juli 2003 wurde eine neue humanmedizinische Studie auf der „2nd International AIDS Society Conference on HIV Pathogenesis and Treatment“ vorgestellt, die die Kombination von 3TC, ABC und PMPA wurde untersucht:
„Early Virologic Failure in a Pilot Study Evaluating the Efficacy of Abacavir, Lamivudine and Tenofovir in Treatment-Naive HIV-Infected Patients (Oral 43)“
Authored by C. Farthing, H. Khanlou, V. Yeh

19 therapienaive Teilnehmer nahmen an dieser Studie teil. Ca. bei der Hälfte der Probanten war die Viruslast höher als 100.000 Kopien/ml. Die durchschnittliche absolute Anzahl der CD4-Zellen betrug 277 Zellen/mm3. Die Virusload wurde jeweils nach zwei, vier und acht Wochen gemessen. Bei 11 Patienten (58%) lag die Virusload nach acht Wochen höher als in Woche Vier. Ein Genotyp-Resistenztest zeigte vor allem die 3TC induzierte M184V-Mutation in der Reversen Transkriptase (RT) sowie die PMPA induzierte K65R-Mutation.

Die Autoren diskutierten Erklärungen für dieses schlechte Ergebnis im Vergleich zu anderen Medikamenten-Kombinationen. Man kam zu dem Ergebnis: „Der wahrscheinlichste Grund für das komplette Versagen dieser Kombination ist die einmalige tägliche Gabe von Abacavir (ABC).“ Dr. Timothy Wilkin, der diese Studie interpretierte, kommt zu dem Schluss, dass ABC niemals in der täglichen Praxis in 1-tägiger Gabe verabreicht werden sollte, bis neue medizinische Erkenntnisse vorliegen.
(Entnommen der Seite: http://www.thebody.com/confs/ias2003/wilkin2.html)

Anschließende Diskussionen um diese Kombination schlossen auch eine sich negativ auswirkende Interaktion zwischen PMPA und ABC nicht aus. Diese Vermutung wurde jedoch durch eine Studie, die diese Interaktionen untersuchte, entkräftet. Bis heute ist der wirkliche Grund unbekannt.

GlaxoSmithKline, Hersteller von PMPA, hat nun alle Humanmediziner in einem Schreiben vor der Anwendung bzw. dem Therapiebeginn mit 3TC, ABC und PMPA in Kombination gewarnt.

Im Unterschied zu dieser Studie bekam Kater Poose während unserer Theapie ABC, als auch 3TC, zwei mal täglich – alle 12 Stunden. Und natürlich ist das FIV morphologisch nicht ohne weiteres mit dem HIV-Typ1 vergleichbar. Ob das allein jedoch als Erklärung für unseren langen Erfolg im Gegensatz zum Scheitern der gleichen Kombination in der Humanmedizin ausreicht, kann ich nicht beurteilen.

Zu bedenken ist bei der Auswahl der Medikamente für eine HAART gegen FIV natürlich auch, dass auf Grund der mangelnden Effektivität von NNRTIs (die NNRTI-typischen Pockets/Taschen können beim FIV generell nicht greifen) und PIs (wirksame PIs existieren, sind aber entweder schon wieder vom Markt genommen oder aber noch in den Testphasen) gegen dieses Virus, die Therapieoptionen bei FIV im Vergleich zu HIV enorm eingeschränkt sind.

Gag- und Env-Gene von Poose´s Virus wurden in der Universiät Wien sequenziert. Es konnten hier erwartungsgemäß keine Mutationen beobachtet werden. Die HAART wirkt ausschließlich auf die RT. Wir suchen nach Lösungen auch die RT zu sequenzieren.

Einen Phänotyp-Resistenztest offerierte uns die Universität Glasgow: Sowohl 3TC, ABC und PMPA hemmen das Virus noch signifikant. (Die IC50 oder andere Details wurden uns leider nicht mitgeteilt.)

Zusätzlich zur HAART bekam Poose (Gewicht 3,5 kg) seit nun mehr einem Jahr, alle zwei Tage ca. 2,5 Mill. Einheiten rekombinantes, felines Omega Interferon.

Ob diese Therapie für andere Katzen empfehlenswert ist, kann ich nicht entscheiden. Ich bin kein Tierarzt oder Virologe. Ein HIV-erfahrener Humanmediziner hätte vielleicht noch andere Vorschläge unterbreiten können. Dem Kater hilft die Medikation aber nun seit fast einem Jahr sehr gut. Wie lange der Erfolg anhalten wird, lässt sich jedoch nicht einschätzen.

Der Nachteil der HAART sind die Kosten, die so hoch sind, dass sie nur für wenige Katzenhalter in Frage kommen werden.

November 2003:

Wir haben inzwischen 3TC gegen das neue FTC getauscht, da hier weniger schnell Resistenzbildungen zu erwarten sind. Omega Interferon verabreichen wir nun noch alle vier Tage. Chrysin, SVP-30 und einige andere ähnliche unpatentierbare Mittel haben wir addiert.

Des Weiteren haben wir ein humangenetisches Labor, das Labor Fenner aus Hamburg, mit der Sequenzierung der RT beauftragt. Ein erstes Ergebnis liegt nun vor: Trotz einem Jahr HAART und einer ständig über der Nachweisgrenze liegenden Viruslast, gibt es bisher keine Mutation am Codon 183! Zu erwarten wäre hier die M183T, das Pendant zur HIV-Mutation M184V, welche von 3TC, FTC und ABC verursacht wird.

Ein Immunstatustest im Oktober erbrachte mit 747 CD4-Zellen absolut das bisher beste Ergebnis seit Beginn der HAART.

Januar 2004:

Das Gesamt-Ergebnis der RT-Sequenzierung liegt vor: Beim Vergleich des aus einer Blutprobe von Ende Dezember 2003 isoliertem FIV mit dem Baseline-Virus vor Therapiebeginn (Sommer 2002) konnten KEINE Mutationen in der RT beobachtet werden. Nach mehr als einem Jahr HAART ist das Virus noch immer komplett Wildtype!

März 2004:

Überraschende und traurige Wendung: Wir mussten Poose nach eienr starken Hyperkalzämie und Nierenversagen euthanasieren.

Wir vermuten als Ursache für den raschen letalen Verlauf den Übergang der Niereninsuffizienz in ein akutes Stadium. Die möglichen Gründe hierfür sind vor allem die persistierenden Erkrankungen und Infektionen (Diabetes mellitus, länger bestehende CNI im Anfangsstadium, Hämobartonellos, Ehrlichose, Babesiose, FIV) und die zum Teil nierentoxische Nebenwirkung einiger HIV-Medikamente.

Martina Menz, 2003 bis 2004

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